Wissenswertes
Hunde haben Rechte - Das Recht auf eine
sinnvolle Erziehung
Was bedeutet dieser Titel? Was ist überhaupt Erziehung?
Ziel menschlicher, aber auch hündischer Erziehung sollte ein angemessenes Verhalten in sozialen Situationen sein. Dabei spielt die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit eine entscheidende Rolle – sowohl beim Mensch als auch beim Hund. Der Mensch muss seinen Hund als Teil seiner Familie ansehen - als wertvolles Familienmitglied, das es zu beschützen und zu respektieren gilt. Die Integration in die Menschenwelt muss stets positiv und einfühlsam erfolgen – unterstützend und fördernd. Erziehung bedeutet somit, einen anderen durch das Leben zu führen, Lernprozesse zu fördern und zu unterstützen.
Und wer definiert nun, was sinnvoll ist und was nicht?
Sinnvoll ist erst einmal all das, was für das Leben des Hundes notwendig, hilfreich und schützend ist. Was aber muss er lernen, erfahren, wirklich beherrschen, um sich in unserer Menschenwelt zurechtzufinden?
Am Anfang des Hundelebens nach der Welpenabgabe steht normalerweise die Sozialisierung. Bereits hier gibt es unterschiedliche Ansichten, was der Welpe lernen muss. Prinzipiell sollte der Welpe mit allem bekannt und vertraut gemacht werden, was ihm im späteren Leben auch begegnen wird, aber immer mit viel Ruhe und ganz entspannt – kein tägliches „Programm“, das abgearbeitet werden muss, weil irgendjemand das gesagt hat. Bereits hier ist die Führungskompetenz des Menschen gefragt, denn dem Welpen muss in neuen Situationen stets Sicherheit und Vertrauen vermittelt werden. Der Mensch hat die Situation „im Griff“, der Welpe kann sich anschließen und die Situation meistern.
Wirkliche Hundeführung verlangt dem Menschen einiges ab. Die Grundprinzipien sind uneingeschränkte Souveränität, Gelassenheit, in der eigenen Mitte ruhen und auch unabhängig von der Meinung anderer sein. Konkret bedeutet Führung, einen anderen zu motivieren, dieselben Ziele zu haben, wie man selbst – basierend auf Freiwilligkeit und Wohlwollen!
Unabhängig von der Meinung anderer meint, immer das Wohlergehen des eigenen Hundes im Fokus zu haben – egal, was die Mitmenschen sagen oder denken mögen. Stattdessen muss dem eigenen Bauchgefühl im Umgang mit Hunden wieder ein größerer Stellenwert eingeräumt werden, als es momentan oft der Fall ist. Ein Hund muss sich nicht von jedem anfassen lassen und er muss auch nicht mit jedem fremden Hund spielen oder überhaupt kontakten, wenn ihm dies unbehaglich ist.
Der wichtigste Sozialpartner des Hundes ist der Mensch – der Besitzer und ggf. seine Familie. Daher sollte die Sozialisierung des Welpen eben auf diese Personen geschehen und das entsprechende Umfeld, mit dem der Hund auch später in Kontakt kommen wird. Ständig forcierter Kontakt mit Artgenossen ist kontraproduktiv – wenn Kontakt, dann bitte ausgewählten und guten Kontakt – und eher zu souveränen erwachsenen Hunden. Denn vom wem lernt ein Welpe innerartliches Sozialverhalten am besten? Von denen, die es schon können oder von denen, die es selbst noch lernen müssen? Die Antwort auf diese Frage dürfte eindeutig sein. Man sollte auch von dem Gedanken Abstand nehmen, dass Welpen ständig mit Artgenossen spielen müssen, um glücklich zu sein. Das Spiel mit dem eigenen Menschen ist wesentlich wertvoller und stärkt vor allem die gegenseitige Bindung.
Dazu ein Zitat des Biologen Ádám Miklósi 1:
«Probleme im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund entstehen da, wo die Sozialisierung des Hundes verpasst wird. Junge Hunde, genau wie alle anderen sozial organisierten Lebewesen, erlernen die Spielregeln des Zusammenlebens von ihren Eltern und anderen Mitgliedern der Gruppe. Diese Zeit des Lernens ist die wichtigste Zeit im Leben eines jungen Hundes, da er hier erfährt, was für sein Leben in der Gruppe wichtig ist. Wenn ein Welpe von seiner Mutter getrennt wird, ist er darauf angewiesen, von seinem Menschen die wichtigen Dinge des Zusammenlebens zu erlernen. Scheinbar sind damit leider viele Menschen überfordert, haben keine Zeit dafür oder beschränken ihre Erziehungsmaßnahmen auf das Beibringen von Sitz, Platz und Fuß, vergessen aber die wichtigen sozialen Elemente.»
Leider verstehen viele Menschen unter Hundeerziehung immer noch Hundeplatz-Kadavergehorsam. Perfektes Beherrschen von Sitz, Platz, Fuß usw. sagt jedoch rein gar nichts über die „Alltagstauglichkeit“ des Hundes außerhalb des Platzes aus. Dies sind teils monatelang eingeübte, ständig wiederholte Kommandos, über deren Sinn im Alltag man sich zudem streiten kann.
Sind Hunde überhaupt so dumm, dass sie für alles und jedes wirklich dutzende, wenn nicht sogar hunderte von Wiederholungen benötigen? Bei der klassischen Konditionierung – sei es durch positive oder auch negative Motivation (Belohnung oder Strafe) – sind Wiederholungen in der Tat nötig, um ein Verhalten dauerhaft zu formen. Aber ist es (art)gerecht, einen Hund auf den Stand einer Maschine zu degradieren? Denn nichts Anderes macht die Konditionierung – ein Verhalten (ein Kommando) wird einprogrammiert. Haben wir es stattdessen nicht etwa mit einem Lebewesen zu tun, dessen herausragende Intelligenz zunehmend erforscht und somit bestätigt wird? Neueste Studien zeigen sogar, dass die Konditionierung mit dem Clicker das flexible Denken des Hundes beeinträchtigt (vgl. Dr. Juliane Kaminski) Die Konzentration dabei beruhe nicht auf der Problemlösung, sondern in der Erwartungshaltung des nächsten Click-Geräusches, sagt Dr. Kaminski.2 Darüber hinaus bleiben Handlungen, die eigenständig erlernt werden, ein Leben lang im Gedächtnis – konditioniertes Verhalten muss jedoch immer wieder aufgefrischt werden.
Am Beispiel des Rückrufes sei erwähnt, dass es wesentlich effektiver ist, einen Hund nur mit Grund abzurufen (Richtungswechsel, Anleinen, ein gemeinsames Spiel etc.) – und nicht rein aus Übungszwecken, vielleicht noch mit etlichen Wiederholungen. Wie oben bereits beschrieben, sind Hunde intelligent und können Übung durchaus von Ernst unterscheiden. Ständig wiederholte Kommandos erzeugen beim Hund nur Frust und Langeweile bzw. eine Über- oder eher Unterforderung.
Immer häufiger wird mittlerweile auf die angebliche Wichtigkeit des Setzens von Grenzen hingewiesen. Grenzen sind aber nur dann Grenzen, wenn sie immer zu 100% eingehalten, eingefordert werden können. Folglich muss es immer eine Konsequenz geben. In welchen Bereichen des Hundelebens gibt es solch starre, immer einhaltbare Grenzen? Sind stattdessen nicht flexible Regeln viel sinnvoller, die einerseits Rücksicht auf die Bedürfnisse des Hundes nehmen, ihn gleichzeitig aber auch vor Gefahren schützen? Derzeit werden „Grenzen“ aber in der Hundeerziehung oftmals dazu missbraucht, um die menschliche Dominanz über den Hund „sicherzustellen“. So wird der Hund im Haus angeleint, bekommt nur noch einen festen Platz zugewiesen, wird nur noch gestreichelt, wenn der Mensch es möchte usw. Es wird reglementiert, kontrolliert, ja sogar psychisch demontiert – alles unter dem Deckmantel: „man müsse dem Hund Grenzen setzen – das sei die Basis der Hundeerziehung“. Die Folge davon ist ein massiver Vertrauensverlust seitens des Hundes, da sein Mensch plötzlich unberechenbar scheint und mehr Kälte denn Liebe ausstrahlt. Daraus können neue Verhaltensauffälligkeiten entstehen, die dann mit noch „strengeren Grenzen“ geahndet werden. Ein Teufelskreis beginnt.
Ein Hund, der eine gute, starke Bindung zu seinem Menschen hat, wird Regeln einhalten, weil er gelernt hat, dass diese zu seinem Schutz sind, er auf seinen Menschen vertraut und sich auf ihn verlassen kann. Entsprechend sollten wir nur Regeln setzen, die wirklich sinnvoll für das (Über)Leben des Hundes sind bzw. die für den jeweiligen Menschen wichtig sind - und nicht, weil wir unsere Macht über den Hund demonstrieren wollen. Angemessene und ggf. auch flexible Regeln – immer abgestimmt auf die jeweilige Situation und das Individuum – sind optimal für das gemeinsame Zusammenleben.
Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Kontrolle. Oft höre ich von meinen Klienten im Coaching, dass sie ihren Hund in allen Lebenslagen kontrollieren möchten, um ihm damit die größtmögliche Freiheit zu ermöglichen. Dies ist ein Widerspruch in sich. Ein Lebewesen kann niemals zu 100% unter Kontrolle stehen – weder Mensch noch Tier. Schon alleine aus der Tatsache heraus, dass unsere Umwelt sich ständig verändert. Kontrolle schränkt ein, veranlasst den anderen eher, aus dieser Enge auszubrechen.Vielmehr beschwört eine ständige Kontrolle den Fehler des anderen erst herauf. Anschließend fühlt man sich in seiner Sicht bestätigt – Vertrauen scheint nicht möglich zu sein. Aber wie hätte der Fehler vermieden werden können, wenn damit schon gerechnet wurde? Kontrolle hat immer den Fokus auf unerwünschten Handlungen. Das hat zur Folge, dass der Mensch eher straft, abbricht etc. , anstatt überhaupt wahrzunehmen und zu honorieren, wie viel Gutes ihm der Hund entgegenbringt. Viel wichtiger ist es stattdessen, dem anderen zu vertrauen. Vertrauen schafft eine ganz andere, eine viel positivere Basis; es geht dabei auch um Respekt dem anderen gegenüber. Eine tiefe Bindung zwischen Mensch und Hund ist nur mit einem gegenseitigen Urvertrauen überhaupt erst möglich.
Zusammenfassend bedeutet Hundeerziehung in meinen Augen, eine wirkliche Herzens(ver)bindung mit seinem Hund einzugehen. Über allem steht die bedingungslose Liebe, die uns unsere Hunde immer und völlig wertfrei entgegenbringen – somit sind wir es ihnen schuldig, diese Liebe auch zurückzugeben. Überdies basiert Bindung auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Achtung. All dies ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit im Zusammenleben mit einem Hund, aber es ist das Wichtigste, woran es zu arbeiten gilt – denn: Unsere Hunde haben das Recht darauf.
Alexandra Kissel, im Oktober 2011
Quellen:
Zitat 1 - Ádám Miklósi: http://scatmedia.ch/clients_media/aktehund/?p=488#comment-4
Zitat 2 – Dr. Juliane Kaminski: http://www.houndsandpeople.com/de/magazin/gesellschaft/eigentlich-wissen-wir-nichts-von-unseren-hunden/
